Landwirtschaft bestimmte jahrtausendlang das Leben der Menschen und formte die Landschaften. Seit dem frühen Mittelalter rangen Mönche und Bauern dem Wald neuen Ackerboden ab, legten Sumpfgebiete trocken. Der Wald wurde um die Hälfte auf seinen heutigen Bestand gerodet. Es entstanden neue bäuerliche Siedlungen. Die Dreifelderwirtschaft entwickelte sich. Zwei Ereignisse bewirkten in Deutschland eine agrarische Revolution: Die Bauernbefreiung von 1807 in Preußen, die die bäuerliche Leibeigenschaft aufhob und in Pachtverträge umwandelte sowie die Erfindung des Mineraldüngers durch Justus von Liebig in den 1840er-Jahren.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Deutschland nach wie vor ein agrargeprägter Staat. Die Bauern machten etwa 60 Prozent der Bevölkerung aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand in Westdeutschland agrarpolitisch die Flurbereinigung im Vordergrund. Hauptziel war es, die Nahrungsmittelknappheit endgültig zu überwinden. In Ostdeutschland kam es zu großen agrarischen Umwälzungen. Eine tiefgreifende Bodenreform unter der Losung „Junkerland in Bauernland“ war u.a. die Folge. Es entstanden die sogenannten Landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften (LPG). Heute leben noch rund zwei Prozent der Deutschen von der Landwirtschaft, das sind noch etwa 266.000 landwirtschaftliche Betriebe.
Die Region um Mehrum war stark von Hochwasser und Auenlandschaften geprägt. Viele Höfe lagen auf Warften (Geländeerhebungen), um vor Überflutungen geschützt zu sein. Heute noch zu sehen in Löhnen. Die Landwirtschaft war kleinteilig mit Mischwirtschaft: Ackerbau, Viehhaltung, Nutzung der Feuchtwiesen, Weiden und Auen.
In Mehrum gab es vor dem Zweiten Weltkrieg sieben große landwirtschaftliche Höfe als Hauptbetriebe. Nach der Größe:
- Konrad Fuhrmann
- Winand Ettwig
- Willi Klein
- Gerhard Hüser
- Gottlieb Köhnen
- Wilhelm Möltgen
- Dietrich Kempken.
Daneben existierten auch viele Kleinbetriebe im Nebenerwerb, wie z. B. Hermann Bergs, Albert Lemm, Johann Köhnen, Johann Lemm/Band, Johann Printz, Gerhard Rissel, Heinrich Biefang, Johann Evers sowie Schwarz/Dickmann.
Erwähnenswert ist besonders, dass fast jeder Haushalt in Mehrum nach Kriegsende, wegen der Hungersnot und aus finanziellen Gründen, noch ein bis zwei Kühe und einige Schweine zur Eigenversorgung im Stall hatten. Vielfach waren die Haupternährer bei der früheren Reichsbahn oder der heutigen Bundesbahn beschäftigt.
Haupteinnahme war der Verkauf von Milch und Mastschweinen. Die Milchkannen wurden frühmorgens auf den Milchbock gestellt und mit Pferdewagen – später mit dem Trecker von Fritz Mölleken (gen. Büb) zur Molkerei nach Voerde, Frankfurter Straße, gefahren.

Der Ettwigshof soll beispielhaft für die Entwicklung in der Milchwirtschaft genannt werden. Er hatte anfangs 8 bis 10 Milchkühe, später in den 50er-Jahren wurden es über 20, die dann aber schon mit der Melkmaschine gemolken wurden. Ab 1980 betrug der Viehbestand über 75 Kühe und ca. 50 Stück Jungvieh. In dieser Zeit wurde hierfür erstmalig im Dorf ein Boxenlaufstall mit einem großen vollautomatischen Melkstand errichtet, in dem jeweils 12 Kühe mit vier Melkmaschinen gleichzeitig gemolken werden konnten.
Wenn über die Milchwirtschaft in Mehrum geschrieben wird, darf das Mehrumer Milchschiff nicht unerwähnt bleiben. Etwa um 1900 wurde das Milchvieh mit dem Milchschiff zum Weiden auf die linksrheinische Insel Rhinum gebracht. Auch sollte angemerkt werden, dass viele Mehrumer später ihre Kühe in den Sommermonaten gegen Entgelt auf die Kuhweide (Hülskens) hinter dem Deich an der Schloßstraße bis zum Mommbach gebracht haben. Zum Melken fuhr man mit dem Rad; Eimer und Milchkannen hingen am Lenkrad.
Die Bearbeitung der Felder wurde früher nur mit großen Ackerpferden erledigt. Anfang 1950 tauchte der erste Trecker von Günter Kustos vom Hof Klein auf.

Mehrum wird motorisiert
Kühlwasser und Diesel mussten zum Feld gebracht werden, damit bei Bedarf nachgefüllt werden konnte. Wenige Jahre später hatte auch Hermann Ettwig einen Lanz-Bulldock-Trecker, der noch mit der Hand am Schwungrad zum Laufen gebracht wurde.

Die Äcker wurden hauptsächlich mit Zuckerrüben, Weizen, Hafer, Roggen und Futterrüben für das Vieh bestellt. Im Winter wurde das Korn gedroschen, später erledigte das in der Scheune die Dreschmaschine, die von einem großen Motor über Riemen angetrieben wurde. Ein geringer Anteil des Korns wurde in der Mühle Haus Wohnung zu Backmehl gemahlen und anschließend an die umliegenden Bäckereien zur Eigenversorgung geliefert.
Das Korn wurde früher mit der Sichel gemäht, die Garben noch von Hand gebunden und mit Pferd und Wagen zum Hof gebracht, um dort in der Scheune gelagert zu werden.



Später brachten die, mit zwei oder drei Pferden gezogene Mähmaschine und danach der Mäh-Selbstbinder, große Erleichterung. Das Freimähen der Ackerränder musste trotzdem noch weiter von Hand gemacht werden.
Erst Ende der 50er-Jahre kam der kleine fahrbare Mähdrescher, wobei das Korn noch in Säcken abgefüllt wurde. Ab ca. 1970 wurde das Korn mit dem großen fahrbaren Mähdrescher gedroschen, auf umgebauten Pferdewagen gefüllt und zum Hof gefahren, später schon mit eigenem Trecker. Diese wurden mit der Zeit immer größer und moderner, von anfänglich nur 17 PS auf über 100 PS mit Allradantrieb.

Das auf den Feldern verbliebene Stroh wurde jetzt mit dem Heuwender auf Reihen gezogen und anschließend mit dem Strohbinder in kleinen Garben gesammelt. Später wurden eckigen Ballen gepresst und heute sind es große Rundballen. Ähnlich wurde das trockene Heu eingefahren.

Ab den 50er- und 60er-Jahren war bei den Bauern eine der Haupteinnahmequellen der Verkauf von Einkellerungskartoffeln. Die Kartoffeln wurden zunächst mit einer kleinen Rodemaschine freigeworfen und dann mit Hand in Reihen gelegt, mittags in Körbe aufgelesen und mit der Pferdekarre in die Scheune gebracht. Dort wurden sie gelagert. Im Herbst wurden die Kartoffeln aussortiert, in Zentnersäcke gefüllt und mit dem Wagen zur Kundschaft in umliegende Orte, u.a. auch nach Walsum und Hamborn, in die jeweiligen Keller getragen.
Während des Krieges mussten die Schulkinder die Kartoffeläcker nach Kartoffelkäfer absuchen, zunächst ohne sichtbaren Erfolg. Erst als die Käfer ab 1950 in größeren Mengen auftraten, wurden die Äcker mit chemischen Mitteln gespritzt.
Nach dem Krieg wurden für mehrere Jahre auch Zuckerrüben angebaut. Sie wurden mit dem Wagen im Bahnhof Voerde verladen und zur Zuckerfabrik nach Pfeifer & Lange in Köln gefahren. Die Rübenernte war mit viel Arbeitsaufwand verbunden. Die kleinen Pflanzen mussten in der Hand vereinzelt gezogen und das Unkraut ein- bis zweimal mit dem Häcker beseitigt werden.
Schwierig gestaltete sich auch das Ausziehen der Rüben. Der Reihe nach wurde das Laub mit dem Spaten entfernt und anschließend mit dem Pferdekarren zur Rübenmiete gebracht. Später geschah dies mit modernen Geräten, und der Trecker brachte viel Erleichterung.
Wegen der aufwendigen Arbeit wurden mit der Zeit keine Rüben mehr geerntet und dafür immer mehr Mais zur Fütterung des Viehs während der Winterzeit angebaut. Das Häckseln von Mais sowie der Transport zum Hof erfolgt auch heute noch durch Lohnunternehmer. Der Maisanbau hat sich seit 2000 durch die, mit staatlichen Zuschüssen errichteten Biogasanlagen, um mehr als das Zehnfache erhöht. Der Silomais wird nunmehr für die Erzeugung von Strom vergoren. Diese Anlagen gibt es heute fast in jeder Gemeinde. Die Betreiber zahlen für die Ackerflächen inzwischen überhöhte Pachtpreise von bis zu 800 Euro pro Hektar.
Das Aussterben der Nebenerwerbsbetriebe
Nach dem Krieg wurde die Landwirtschaft in Mehrum einmal geprägt vom Rückgang der Zahl der Haupterwerbsbetriebe, zum anderen durch das Aussterben der Nebenerwerbsbetriebe Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre. Die landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetriebe hatten vor Aufgabe ca. 3 bis 5 Morgen in Eigentum bzw. in Zupachtung. Das Korn wurde von den Großbetrieben Ettwig, Hüser oder Kustos gemäht und auf den jeweiligen Höfen gedroschen. Man half sich gegenseitig, so wurde zum Beispiel die Heuernte mit großer Nachbarschaftshilfe eingebracht.
Gründe für das Nichtweiterbestehen war das Missverhältnis von Aufwand und Ertrag. Folge war, dass die Großbetriebe die Äcker der Nebenerwerbsbetriebe in Pacht übernahmen. Dadurch wurden die verbleibenden Betriebe immer größer.
So hatte der Ettwigshof zuletzt 25 Hektar in Eigentum und 75 Hektar Weide und Acker durch Zupachtung. Auch der große Fuhrmannshof gab schon früh, etwa um 1955, die Landwirtschaft auf, da niemand von den Erben Bauer werden mochte. Ähnlich erging es den Betrieben Hüser, Köhnen, Möltgen und Kempken.
Heute gibt es noch zwei landwirtschaftliche Höfe, und zwar der Biobetrieb Wilhelm Kustos und der Ettwigshof, der nach dem Tod von Winand Ettwig ab 2008 verpachtet wurde.
