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Haus Mehrum


Haus Mehrum um 1865

Drei Generationen von Plettenberg Mehrum

Dies ist ein Bericht des Chronikausschusses von 1971.

Eine ausführliche Betrachtung der Geschichte des adligen Hauses Mehrum kann in diesem Rahmen nicht erfolgen und ist auch nicht beabsichtigt. Heimatforscher Walter Neuse legte zu diesem Thema 1953 eine ausführliche Arbeit vor, der zu entnehmen ist, dass über die ersten Besitzer des Hauses Mehrum (früher auch Merehem, Merhem, Merheym und Merem geschrieben) bisher keine Nachrichten aufgefunden worden sind. Im Jahre 1184 wird erstmals ein Nicolas de Merehem erwähnt. Der Herrensitz wechselte mehrmals seine Besitzer (Erbauseinandersetzungen). Wir gehen hier nur auf das letzte Herrengeschlecht näher ein und versuchen darzustellen, wie es sich mit den Bewohnern unseres Dorfes verbunden fühlte.

1795 heiratete Karoline Charlotte von Bodelschwingh (1771 – 1818) den Freiherrn Friedrich Wilhelm von Plettenberg-Heeren (1769 – 1820). Das Ehepaar wohnte in Heeren, wo auch ihre Kinder (vier Söhne und zwei Töchter) aufwuchsen. Die Verwaltung der Mehrumer Besitzungen oblag einem Rentmeister. Friedrich Wilhelm heiratete in zweiter Ehe Maria Sophia von Ascheberg – Karoline Charlotte war 1818 verstorben.

Den Kindern aus erster Ehe fiel der Mehrumer Besitz zu, von dem sie in den Jahren 1831 bis 1835 etliche Grundstücke und Anwesen verkauften, z.B. Haus Löhnen, Frerichs Hof in Löhnen, Hoppen Kate in Löhnen, Ettwigs Hof in Mehrum und Giesen Hof in Mehrum. Vor dem Verkauf umfasste der Grundbesitz etwa 895 preußische Morgen. Die Geschwister überließen den restlichen Besitz mit dem Haus Mehrum ihrem Bruder Karl Ludwig Adolf von Plettenberg, der 1830 auf den Herrensitz in Mehrum zog. Er starb 1857. Sein Sohn Gustav Karl von Plettenberg, geboren 1835 auf Haus Mehrum, trat das Erbe an, nachdem er seinen Dienst bei dem Husarenregiment Nr. 11 in Bensberg quittiert hatte.

Als Kammerherr und Mitglied des Herrenhauses, wie auch als Mitglied verschiedener öffentlicher Korporationen war er ein Mann von großem Einfluss und Ansehen. Er heiratete 1862 in erster Ehe Elisabeth Laura von Rosenberg-Rosinski (geb. 1840 in Westpreußen), die das Vorrecht besaß, sechsspännig auszufahren. Sie starb 1898 auf Mehrum und wurde in der Familiengruft an der alten Voerder Kirche beigesetzt. Der Witwer ehelichte danach Maria von Vietsch, eine Freundin seiner Tochter Laura Wilhelmine, geboren 1869.

Karl Anton: Königlicher Kammerherr


Gustav Karl Freiherr von Plettenberg starb am 02.07.1910 und wurde in Voerde beigesetzt. (Nachruf aus der Zeitung Wesel vom 3.7.1910 als Anlage Nr.    beigefügt). Sein Sohn Karl Anton Freiherr von Plettenberg lebt heute noch in der Erinnerung alter Mehrumer Bürger fort. Zu ihnen gehört auch Frau Helene Dislich, geborene Hülsemann, die am 01.03.1922 (16-jährig) als Hausmädchen ihren Dienst auf Schloss Mehrum antrat. Sie konnte uns im Herbst 1975 wertvolle Angaben zum Leben auf dem Schloss machen, die wir in unsere Chronik aufnehmen wollen. 

Karl Anton von Plettenberg im Portrait.

Karl Anton Freiherr von Plettenberg erblickte am 05.04.1871 zusammen mit seiner Schwester Elisabeth Gustava in Mehrum das Licht der Welt. Elisabeth starb bereits 1876. Karl Anton heiratete 1914 die Witwe Margarethe Kohl, angeblich eine Industriellentochter, von der er 1919 wieder geschieden wurde. Seine geschiedene Frau stellte hohe Forderungen, sodass er 300 Morgen von seiner Besitzung an die Firma Hülskens verkaufen musste. 1930 ehelichte er die Witwe Klara Wendelstedt, geborene Pfeiffer, eine Professorenwitwe aus Köln.

Karl Anton war königlicher Kammerherr und Direktor des Norddeutschen Lloyd. Er beherrschte sechs Sprachen. Zu seinem Sekretär hatte er Heinrich Lemm (heute Hochstein) aus Mehrum ernannt und ihn nach Bremen geholt.

Etwa um 1900 wurde Karl Anton auf Befehl des Kaisers Wilhelm II. für fünf Jahre zur Militärschule nach Amerika verbannt, weil er die Großherzogin von Oldenburg liebte und sie zur Frau begehrte. Das Verhältnis wurde aber auch dadurch nicht gelöst. Heimlich trafen sich die Liebenden immer wieder. So schiffte sie sich nach ihrer Scheidung in Hamburg ein, Karl Anton stieg im Skagerak zu.  

1906 heiratete seine Schwester Laura den Freiherrn Wolfgang von Klot-Heydenfeld (geb. 1869 in Riga) und zog zu ihrem Mann nach Riga, wo sie als reichste Frau galt. Zu ihrer Hochzeit auf Haus Mehrum war „ganz Mehrum“ mit allen Vereinen eingeladen. Der damalige Dorfschullehrer Agatz hielt die Festrede und sagte unter amderem: „…wir wollen hoffen, dass der schwarzgraue Vogel, der augenblicklich in Mehrum das Zepter führt, auch nach Riga kommt.“ (Anspielung auf den kinderbringenden Storch). Lauras Mann starb 1919 in Riga. Wegen der politischen Unruhen nach dem ersten Weltkrieg verließ sie die Stadt und zog mit ihren vier Kindern zu ihrem Bruder nach Mehrum. Die Kinder wurden auf dem Schloss von einem Hauslehrer unterrichtet, sein Name wird mit Gertz angegeben. Er wurde 1923 von den Belgiern (Besatzung) inhaftiert, weil er ihnen gegenüber freche Äußerungen gemacht hatte. Als er nach etwa vierzehntägiger Haft ins Dorf heimkehrte, empfing man ihn mit einem Willkommensgruß, dessen Endreim etwa lautete: „…und lebe von nun an in guter Ruh und halte gefälligst die Klappe zu!“

In den Jahren vor und nach dem ersten Weltkrieg bis etwa 1924 wurde zu Weihnachten jedes Mehrumer Kind, das vorher seinen Wunschzettel abgegeben hatte, auf dem Schlosshof beschenkt. Die Erwachsenen erhielten anlässlich des Geburtstages des Freiherrn Karl Anton am 05. April eines jeden Jahres ein Fass Freibier in der Gaststätte Ziegler (heute Mölleken).   

Zum Geburtstag des Kaisers, früher öffentlicher Feiertag, am 27.01. war großer Aufmarsch auf dem Schlosshof. Es erschienen die Regimentskapelle  der 57-er aus Wesel, der Schützenverein und der Gesangverein des Dorfes. Die Präsidenten der Vereine (Peter Hülser, gen. Gies, für den Gesangverein und Heinrich Münster für den Schützenverein) hielten patriotische Ansprachen. Auch anlässlich des Sedantages (1.9. Erinnerungstag an die Schlacht bei Sedan 1870) fanden solche Zusammenkünfte am Schloss statt. Der Sedanstag war Staatsfeiertag, die Schulkinder hatten schulfrei. Bereits 1871 hatte der Baron aus diesem Anlass in der Nähe des Schlosses die Friedenseiche gepflanzt, die heute noch beliebter Treffpunkt junger Leute ist.


Von Plettenbergs Verhaftung

Etwa im Jahre 1923 war Freiherr Karl Anton von Plettenberg Bürgermeister in Voerde. Er war dort auch lange Zeit als 1. Beigeordneter tätig. Dem ersten Kreistag nach dem ersten Weltkrieg (1919) gehörte er als Abgeordneter der Landbürgermeisterei Voerde ebenfalls an. Er veranlasste die Errichtung eines Polizeipostens in Mehrum, für den er ein Wohnhaus an der Weberstraße errichten ließ. 

Da er als Bürgermeister die Anordnungen der belgischen Besatzungsmacht nicht befolgte, wurde er verhaftet und für kurze Zeit in Köln inhaftiert. Nach seiner Entlassung bereiteten die Mehrumer ihm einen herzlichen Empfang.

Der Baron befehligte als Hauptmann die örtliche Feuerwehr. Bis 1920 mussten alle Bürger zu Löschübungen erscheinen. Die Spritze war in einem Anbau am Lehrerwohnhaus untergebracht. Mit ihr wurde 1947 noch der Brand auf Ettwigshof gelöscht. Es war eine Handspritze. Feueralarm wurde durch den Schmiedemeister Friedrich Schmitz mit dem Feuerhorn gegeben.

Die Gründung des Tambourcorps 1922 unterstützt Freiherr Karl Anton mit einer Geldspende von 200,- Reichsmark. Der „Bataillöner“ Johann Rissel (gen. Schnieders Jan) und Heinrich Biefang durften die Spende aus der Hand des Barons auf Haus Mehrum in Empfang nehmen. Noch heute schmunzelt Heinrich Biefang, wenn er sich an diesen Tag erinnert. Der Baron ließ die beiden vortrefflich bewirten. Nach Genuß einiger Gläser guten Kognaks verließen sie – schwere, herrschaftliche Zigarren rauchend – schwankend den Schlosshof und stimmten das Deutschlandlied an.

Um 1930 bat der Spielmannszug den Baron um eine Spende. Der adelige Herr schickte eine Postkarte, die auf der Bildseite ein Segelschiff in stürmischer See zeigte. Die Rückseite trug die Aufschrift „Schiff in Not“. Baron Karl Anton pflegte nach dem ersten Weltkrieg mit zwei rassigen Schimmeln auszufahren. In der Vorkriegszeit ließ er sich vierspännig kutschieren. Als Reichstagsabgeordneter besaß der Baron das Privileg, zur Teilnahme an Sitzungen in Berlin sämtliche Züge im Bahnhof Voerde anhalten zu lassen. 

Heinrich Biefang konnte uns auch noch eine andere Episode berichten, in deren Mittelpunkt der Kutscher Adolf von Haus Mehrum steht. 1923 trafen sich die Fabrikarbeiter von Thyssen (Dinslaken) im „Wetten Löw“ in Möllen zum Umtrunk, denn sie waren nicht zur Arbeit gegangen. (Gaststätte Rühl an der Frankfurter Straße, wurde 1975 bei der Erweiterung des STEAG-Kraftwerkes abgebrochen). 
An dem Frühschoppen nahmen Heinrich Biefang, Willi Hülser, Hermann Lemm (gen. Küppers Hamm), Gerd und Hermann Rissel teil. Als die Stimmung bereits ihrem Höhepunkt zustrebte, erschien Kutscher Adolf in der Wirtsstube, um einen Schnaps zu trinken. Er hatte mit der Kutsche den Baron zum Bahnhof gebracht und befand sich auf dem Heimweg. Die Mehrumer animierten ihn zum Mittrinken bis er „voll“ war. Die unternehmungslustige  Gesellschaft bemächtigte sich der herrschaftlichen Kutsche, Johann Rissel setzte sich auf den Kutschbock, er hatte bei der Artillerie gedient, und führte das Gespann schneidig durch Dinslakens Hauptstraße zum „Casino“ am Walzwerk. Erst abends gegen 23 Uhr, nachdem Lenchen Hülsemann sich auf dem Schloss schon ernsthaft Sorgen um den Verbleib des Kutschers machte, erschien Adolf volltrunken mit der Kutsche auf dem Schlosshof. Madame Laura sah ihn kopfschüttelnd an, denn er blutete aus mehreren Hautabschürfungen, und sein Kutscheranzug zeigte deutliche Spuren von Zwetschgenpfannkuchen, den er unterwegs gegessen hatte.   

Zum Personal auf dem Schloss gehörten überwiegend Mehrumer. Im Jahre 1924 waren auf dem Schloss beschäftigt:

1 Diener                    
3 Jungen (Knechte)                 
1 Köchin und 2 Mädchen
1 Gärtner                    
1 Kutscher                               
3 Stubenmädchen

Außer dem Baron wohnten auf dem Schloss seine Schwester Laura mit ihren Kindern, die Stiefmutter (gen. Tante Mary) aus Riga, ein Sekretär und der Hauslehrer Gertz.


Verkauf an die Firma Hülsken

Das zahlreiche Personal war erforderlich zur Pflege und Unterhaltung der vielen Räumlichkeiten. Im Winter brannten ständig vier Kachelöfen, die mit Brennmaterial versorgt werden mussten. Die Wäsche wurde von den Frauen und Mädchen am Rheinufer von Hand gewaschen. Das Rheinwasser war damals noch klar.

Im Winter holten die männlichen Bediensteten vom Rhein oder von zugefrorenen Tümpeln Eisblöcke, die bis in den Sommer hinein im Eiskeller lagerten und zur Kühlung von Speisen und Getränken dienten.

Da die Unterhaltung des Schlosses und sein persönlicher Lebensstil ständig steigende Geldmittel erforderten, verkaufte der Baron 1929 das Schloss und den restlichen Grundbesitz (ca. 400 Morgen) an die Firma Hülsken in Wesel für 1,4 Millionen Reichsmark. Er hatte den Kaufvertrag mit dem Vertreter der Firma, Herrn Kuckelmann, so geschickt abgeschlossen, dass ihm monatlich ein Betrag in Goldmark währungssicher überwiesen wurde. Zuvor war es einigen Mehrumern gelungen, vom Baron Grundbesitz zu erwerben:

Elisabeth Evers (gen. Brinks) erschien eines Tages herzklopfend vor dem Baron und brachte es fertig, das Haus in der Weberstraße und ein Stück Land für 3.000 Reichsmark zu kaufen. Johann Lemm kaufte das Haus, in dem früher Polizeimeister Liesen wohnte (Weberstraße), für 7.000 Reichsmark.

Das größte Glück hatte Bernhard Benninghoff, gen. Meesen, aus Bruckhausen. Er kaufte kurz vor der Inflation 1923 den Ossenkamp (60 Morgen) für Geld, das kaum noch einen Wert hatte. Heinrich Möltgen (später Klein/Kustos) erwarb zehn Morgen von der Pottersweide.


Vom Schloss zum „Görtz-Koot“

Mit dem Verkauf des Schlosses übernahm die Firma Hülskens auch das Schlossarchiv, das man nur durch eine Tapetentür vom Musikzimmer aus betreten konnte. Frau Helene Dislich, geb. Hülsemann, hat selbst das Archiv an Frau Anni Küppers übergeben. Über den weiteren Verbleib konnten wir bis heute (1976) keine Auskunft erhalten.

Über den im Volksmund oft erwähnten unterirdischen Gang, der vom Schloss zur „Görtz-Koot“ – ehemals ein Kloster – führte, (heute Gaststätte Mölleken), wusste Frau Dislich auch zu berichten. Sie selbst war Zeugin, als dieser Gang aus Sicherheitsgründen im Schloss zugemauert wurde. Seine Wände solle etwa fünf Meter dick gewesen sein.

Karl Anton von Plettenberg  kaufte sich in Köln eine Villa, die er mit den Möbeln aus Mehrum einrichtete. Beim Abschied erhielt Frau Dislich zur Erinnerung einen herrschaftlichen Mahagoni-Doppelsessel, der heute noch ihr Wohnzimmer ziert.

Karl Anton starb 1942. Seine Urne wurde auf dem Voerder Friedhof in der dortigen Kellergruft unter Anteilnahme aller Mehrumer beigesetzt. Heinrich Hülsemann, Frau Dislichs Vater, trug die Urne in die Gruft.

Die (Trauer-)Nachfeier fand bei Hinnemann (Gaststätte am Bahnhof Voerde) statt. Jeder Mehrumer erhielt eine Flasche Wein. Hermann Ettwig konnte berichten, dass einige Trauergäste betrunken ins Dorf zurückkehrten. Manches Pferd musste den Weg alleine nach Hause finden.


Haus Mehrum nach dem Verkauf

Nachdem Freiherr Carl-Anton von Plettenberg den Besitz seiner Vorfahren im Jahr 1929 verlassen hatte, war dem  Schloss und den übrigen Gebäuden ein recht unterschiedliches Schicksal beschieden. In unseren folgenden Ausführungen betrachten wir deshalb die weitere Nutzung des Schlosses und der übrigen Wirtschafts- und Wohngebäude getrennt.

In dem eigentlichen Schloss brachte zunächst die Kölner Firma Müller u. Pforzheim, die den Ausbau des Deiches übernommen hatte, das Baubüro unter. In der Zeit von 1934 bis 1937 nutzte der „Deutsche Arbeitsdienst“ das Herrenhaus als Quartier. Einige Stallungen wurden zu Waschkauen umgebaut und im Park zusätzliche Wohnbaracken errichtet.

Kommandos und Stiefelklappern störten von nun an die Stille des Schlosshofes bei der fast militärischen Ausbildung der hier stationierten Dienstabteilung. Die jungen Mehrumer Burschen mussten höllisch aufpassen, dass ihnen nicht durch die Arbeitsmänner bei ihren Mädchen die „Karre ausgespannt“ wurde.

Nach dem Abzug des Arbeitsdienstes 1937 kehrte bis zum Kriegsausbruch Ruhe ein.


Das Schloss im Zweiten Weltkrieg

In den Jahren 1939 bis 1945 fanden Kriegsgefangene – Franzosen, Russen, Polen und später „Fremdarbeiter“ (zur Arbeit in Deutschland gezwungene Menschen aus den von der Deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten) – ein Obdach im Schlossgebäude. Während der Eroberung des Niederrheins durch die Truppen der Aliierten im März 1945, erhielt das Schloss mehrere Granattreffer, die das einst stolze Haus in eine traurige Ruine verwandelten.

In den ersten Nachkriegsjahren dachte niemand an einen Wiederaufbau, da Baumaterial nur zur Schaffung von Wohnraum verfügbar war. Wind und Wetter vollendeten das menschliche Zerstörungswerk in den folgenden Jahren.

Es fehlte nicht an Vorschlägen, die Ruine einem neuen Verwendungszweck zuzuführen (u.a. Jugendherberge, Museum).

Am 12.04.1952 berichtete die WAZ-Westdeutsche Allgemeine Zeitung:

Wie aber auch der oberflächliche Betrachter feststellen kann, droht dem gesamten Gebäudekomplex Einsturzgefahr, falls nicht umgehend Maßnahmen getroffen werden. Diese Maßnahmen will der jetzige Besitzer Krieger ( Mitinhaber der Fa. Hülskens) ergreifen. Allerdings nicht im Sinne des Kreises und des Landes. Er beabsichtigt nämlich, die beiden Giebelwände einzureißen. Die ersten Vorbereitungen wurden bereits getroffen.

WAZ, 12.04.1952

Da auch in den folgenden Jahren keine Finanzmittel für den Wiederaufbau beschafft werden konnten, musste unser Dorf im Frühjahr 1960 von seinem alten Wahrzeichen Abschied nehmen.


Abschied vom Mehrumer Wahrzeichen

Der Besitzer beseitigte die Ruine und fuhr den Schutt in ein ausgekiestes Baggerloch am Rhein. Auf dem Schlosshof kennzeichnen nur noch zwei Treppenstufen den Eingang zum ehemaligen Herrenhaus.

Unser Dorf hält auch heute noch sein verlorenes Wahrzeichen in guter Erinnerung. Eine Fotografie des Schlosses ziert fast jedes Mehrumer Wohnzimmer. Seit der Wiedergründung des Schützenvereins 1950 schmückt Haus Mehrum die Rückseite unserer Vereinsfahne.

Anlässlich der Einweihung der Schützenhalle am 27.01.1968 veranlasste Oberschießmeister Wilhelm Ettwig, gen. Küpperdam, die Darstellung des Schlosses auf einer Wand durch Hermann Hallen aus Spellen. Die Teilnehmer und Gäste der Einweihungsfeier erhielten ein Bierglas mit dem Mehrumer Wahrzeichen. Seit 1976 trägt jeder Mehrumer Schütze ein gesticktes Haus Mehrum am Uniformärmel.

Die Wirtschafts- und Wohngebäude nutzte der Pächter Heinrich Mölleken bis 1942. Am 17.10.1944 vernichteten Brandbomben den Pferde- und Kuhstall mit der Milchkammer. Dabei verbrannte das dort eingelagerte Getreide der derzeitigen Pächter Gerhard Hüser und Wilhelm Klein. Nur die Dreschmaschine konnte rechtzeitig gerettet werden.

Unter dem Mittelbau befand sich ein großer Keller mit besonders dicken Mauern (der sogenannte Eiskeller). Zur „herrschaftlichen Zeit“ gehörte es zu den Aufgaben des Pächters, den Keller mit Eis zu füllen. Sobald das Eis auf dem „Entenpoot“ an der Kuhweide und auf der Momm in der Nähe der Schleuse eine Stärke von ca. 15 cm erreichte, schlugen und sägten kräftige Männer es in Stücke und füllten damit den etwa vier Meter tiefen Keller. Die eingelagerten Eisstücke wurden mit Wasser übergossen, um auch die Hohlräume mit Eis zu füllen. Ein fröhlicher Umtrunk beendete die Eisernte.


Das Schicksal der Wirtschaftsgebäude

Der Eisvorrat ermöglichte es dem Schlossherren, seinen Gästen selbst in der heißen Jahreszeit gekühlte Speisen und Getränke servieren zu lassen. Die Mauerreste der Ruine dienten den amerikanischen Pionieren beim Rheinübergang im März 1945 als Unterbau für die Zufahrtsrampen an den Pontonbrücken.

Von den Wirtschaftsgebäuden blieb bis heute die große Scheune erhalten, in der der Landwirt Gerhard Hüser noch Jungvieh und Futtervorräte unterbringt.

Zu den Nebengebäuden gehörte auch ein sogenanntes Hinterhaus, das 1947 abgebrochen wurde. Hierin wohnten die Familien Bernhard Schäfer, Heinrich Flores und Franz Friedrich. In dem heute noch vorhandenen Gebäude befinden sich drei Mietwohnungen. Herr Franz Friedrich, ehemaliger Hausdiener der Familie Krieger, bewohnt das Obergeschoss, Frau Frieda Altenhoff und Herr Josef Friebe sind Mieter der Wohnungen im Erdgeschoss. Aus dem ehemaligen Schlossgarten werden die Familien der derzeitigen Besitzer Küppers und Krieger mit Obst und Gemüse versorgt.

Noch heute bezeichnen die alten Mehrumer mit dem Wort „Park“ das Grundstück westlich des ehemaligen Schlosses. Über die Gestaltung des Schlossparks liegen uns keine näheren Angaben vor. Wir vermuten jedoch, dass die Lindenallee als Windschutz den Park zum Rhein abgrenzte.

Viele Linden und einige uralte Ulmen mussten nach dem Krieg etwa 1951/52 gefällt werden, weil sie sich von den Schäden durch Artilleriebeschuss nicht mehr erholten. Von den Ulmen wurde uns berichtet, dass sie 1,60 Meter im Durchmesser maßen. Herr Karl Hülser zählte an den gefällten Stämmen die Jahresringe und ermittelte ein Alter von 160 Jahren.

Die 1871 gepflanzte Friedenseiche, die mit einem geschmiedeten Eisengitter von 1,50 Meter umgeben war, befindet sich außerhalb der Schlossanlagen. Den von der Schloßstraße abzweigenden Weg nennen unsere älteren Mitbürger noch Bismarckstraße.

Die Firma Hülskens als derzeitiger Eigentümer pflanzte im Jahre 1952  im Park, an der Bismarckstr sowie an der Lindenallee Pappeln.   

Hier endet der Beitrag des Chronikausschusses von  1971.


Der Rest von Haus Mehrum heute