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Es ist sicherlich über die Gesamtsituation der Deutschen Bevölkerung in der Nachkriegszeit ausführlich an anderer Stelle berichtet worden. Wir wollen hier nur auf die Situation in Mehrum eingehen.
Als die Rheinüberquerung der Amerikaner kurz bevor stand, wurde Mehrum durch die Deutsche Wehrmacht evakuiert. Alle Bewohner mussten das Dorf verlassen. Als Stadt für die Aufnahme der Mehrumer war Bückeburg festgelegt worden. Einige Bewohner kamen in der näheren Umgebung von Mehrum bei Verwandten oder guten Bekannten unter. Das Nutzvieh wurde nach Voerde auf eine Wiese zwischen Bahndamm- Frankfurter- Str.- Mehrstr. getrieben und von dort auf Bauernhöfe östlich der Hochbahn verteilt. Später konnte man – zugeteilt durch die Kommune und die englische Besatzung- in Möllen am Tenderingsweg eine bestimmte Anzahl Vieh zurück bekommen.
Als dann die Kriegsfront immer weiter nach Osten vorrückte, übernahmen die Engländer – als Besatzungsmacht – die Verwaltung im Bereich NRW. Nach und nach kehrten die Dorfbewohner wieder in ihr Dorf zurück. Nach Überwindung des ersten Schocks begannen die Menschen mit dem Aufbau des zerstörten Dorfes. Zu diesem Zeitpunkt bestand Mehrum aus insgesamt 49 Häusern. Davon waren 13 Häuser total zerstört, alle anderen hatten mehr oder weniger große Schäden.
Stellvertretend für alle zerstörten Häuser des Dorfes zeigt das Foto das zerstörte Haus Mehrum im Jahr 1950.

In beschädigten Häusern wurden notdürftig Wohnungen eingerichtet. Einige Mehrumer bauten Holzbaracken aus Kriegsbeständen auf ihrem Grundstück, um beim Aufbau des zerstörten Hauses vor Ort zu sein. Vorrangig wurden Stallungen für Nutzvieh hergerichtet, denn Nutzvieh war als Nahrungsquelle von großer Bedeutung. Von den Alliierten wurde in dieser Zeit eine Schulspeisung für bedürftige Kinder eingerichtet.Für Mehrum galt folgende Regelung:
Die Speisen, mal in fester- und mal in flüssiger Form, wurden von dem Milchfahrer Fritz Mölleken , der die Kuhmilch der Bauern zur Molkerei fuhr, aus Voerde mitgebracht. Die Frau des Lehrers verteilte dann die Esswaren an die Kinder. Behälter dafür waren täglich mitzubringen. Die Nahrungsmittelbeschaffung war in dieser Zeit ein zentrales Thema.Außer der Vollerwerbslandwirtschaft waren alle anderen Bewohner Nebenerwerbslandwirte mit unterschiedlich großen Nutzflächen. Man begann mit großer Fantasie alles Essbare zu nutzen. An anderer Stelle, unter dem Titel „Landwirtschaft in Mehrum“, gehen wir ausführlicher auf dieses Thema ein.
Lebensmittelmarken wurden auch Nährmittelkarten genannt. Von den Alliierten wurden ab Mai 1945 bis1950 diese Marken an die Bevölkerung ausgegeben. Wir zitieren hierzu eine Ausarbeitung von Hans- Dieter Arntz:
Ernährung im 2. Weltkrieg und danach. ( Wikipedia)
Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges gaben die alliierten Besatzungsmächte ab Mai 1945 in ihren jeweiligen Sektoren neue Lebensmittelkarten aus, die entsprechend der Schwere der Arbeit in Verbrauchergruppen ( Kategorien) von I bis IV eingestuft wurden. In der Bundesrepublik Deutschland wurden die Lebensmittelkarten im Jahr 1950 abgeschafft. Die Kategorien waren: Normalverbraucher, Vollselbstversorger, Teilselbstversorger und Schwer- und Schwerstarbeiter.

Wiederaufbau in Mehrum
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Der Aufbau der zerstörten und beschädigten Gebäude im Dorf begann mit großen Schwierigkeiten. Material war kaum zu bekommen und wenn, dann bekam man nur sehr zögerlich für die inzwischen inflationäre Reichsmark etwas zu kaufen. Aber die Menschen hatten ja Improvisieren gelernt. Es entwickelte sich ein reger Tauschhandel, der im Volksmund auch Schwarzhandel genannt wurde, was selbstverständlich verboten war. Da wurde dann manch schwarz geschlachtetes Schwein in Steine und Zement investiert ( schwarz = geheim). Zur Schwarzschlachtung sei gesagt, dass bei den Teilselbstversorgern ein offiziell gehaltenes Schwein bei der Zuteilung der Lebensmittelkarten angerechnet wurde. Auch die Ernährungssituation war von der inflationären Reichsmark stark betroffen. Es gab für den täglichen Bedarf offiziell nur wenig zu kaufen.
Die Währungsreform
___________________________________________________________________________________________________________________________ Mit der Währungsreform 1948 begann die wirtschaftspolitische Wende.
Wir zitieren: Währungsreform 1948 (Westdeutschland) Wikipedia
Die Währungsreform von 1948 trat am 20. Juni 1948 in der Trizone, den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands, in Kraft. Ab dem 21. Juni 1948 war dort die Deutsche Mark („DM, auch D- Mark“) alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel. Die beiden bisher gültigen Zahlungsmittel Reichsmark und die ( zu ihr fest im Verhältnis 1:1 notierende )Rentenmark (beide abgekürzt als RM) wurden zwangsumgetauscht und dabei mehr oder weniger im Nennwert herabgesetzt. Die Währungsreform von 1948 gehört zu den bedeutendsten wirtschaftspolitichen Maßnahmen der deutschen Nachkriegsgeschichte.Erstausstattung mit DM.
Die Ausgabe des „Kopfgeldes“ erfolgte im ersten Schritt ab dem frühen Sonntagmorgen, 20.Juni 1948, an Einzelstehende bzw. Haushaltsvorstände in Höhe von 40 DM je Kopf ( heute inflationsbereinigt 115,97 E ), in der Regel als 1 Zwanzigmarkschein, 2 Fünfmarkscheine, 3 Zweimarkscheine und 4 Einhalbmarkscheine. Jeder natürlichen Person wurden einen Monat später 20,- DMin bar ausgezahlt. Bei der späteren Umwandlung von Reichsmark beispielsweise in Bankkonten wurden diese mit 60 DM angerechnet.
Wie durch ein Wunder waren nach der Reform in allen Geschäften Waren vorhanden. Man konnte alles kaufen. Das Wirtschaftswunder begann. Von existenzieller Bedeutung für die Menschen in unserem kleinen Dorf war es, einen Arbeitsplatz zu finden. Es gab keinen öffentlichen Nahverkehr. Die einzige Möglichkeit, das Dorf zu verlassen, war ein altes Fahrrad. In unmittelbarer Ortsnähe gab es einige Erwerbsmöglichkeiten. Da war die Fa. Hülskens aus Wesel , die Eigentümerin von Haus Mehrum ist, mit den dazugehörigen Liegenschaften, sowie die Fa. Johannes Brauckmann, als Kiesbaggerei. Als Nebenprodukt stellte die Fa. Brauckmann auch Dachziegel aus Zement und Sand her. Das Handwerk blühte auf. Durch den Wiederaufbau waren alle Gewerke für den Hausbau wichtig. Die kommunale Verwaltung, die Banken und die Eisenbahn benötigten Mitarbeiter. Umliegende und auch neu angesiedelte Industriebetriebe benötigten zunehmend Arbeitskräfte. Als ein wesentlicher Arbeitgeber ist da die Fa. Babcock in Friedrichsfeld zu nennen.
Die Menschen verdienten Geld und die D-Mark hatte Kaufkraft. Man konnte auch wieder an Freizeitgestaltung denken. Das Vereinsleben wurde ebenfalls zum Leben erweckt. Sicherlich war und ist der Bürgerschützenverein 1692 e.V. ein sehr wichtiges Element unserer Dorfgemeinschaft. Im Jahre 1950 wurde nach langer Zeit das erste Schützenfest – mit einfachsten Mitteln, aber großem Organisationstalent ausgerichtet. Das Tambourkorps Rheingold Mehrum hatte wieder Instrumente und konnte das Schützenfest musikalisch umrahmen. Auch der Männergesangverein Germania Mehrum nahm seine Probeabende wieder auf, wenn auch mit geringer Mitgliederzahl.
Auch im Dorf selbst konnte man wieder etwas kaufen. Unter dem Titel Gaststätten und Geschäfte wird darüber berichtet. Die Mehrumer oder auch die „ Türken „ genannt – man erkennt bei ihnen ja einen besonderen Humor und spezielle Mehrumer Eigenarten – wurden zunehmend wieder zu einem fröhlichen Völkchen. Der Name Türkei für Mehrum hat mehrere Begründungen. Die einleuchtende Erklärung scheint uns der Halbmond in der Mehrumer Fahne zu sein.
Auch an der Infrastruktur wurde gearbeitet. Anfang der 1950 er Jahre bekam die mit Kies bestreute Straße zwischen Götterswickerhamm und Mehrum bis nach Spellen eine Asphaltdecke. Das Dorf wurde an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen. Es gab eine Omnibusverbindung. Die Motorisierung der Dorfbewohner begann. In der Landwirtschaft wurden Trecker angeschafft. Die männlichen Dorfbewohner bekamen zunächst Zweiräder für den Weg zur Arbeit. Im Verlaufe der nächsten Jahre wurde dann das Zweirad durch einen PKW ersetzt. Es handelte sich überwiegend um Kleinfahrzeuge. Goggo, BMW-Isetta und DKW gehörten zu den ersten Herstellern solcher Fahrzeuge. Mit zunehmendem Wohlstand änderten sich selbstverständlich auch die Lebensgewohnheiten. Die Zweiräder und die Kleinwagen wurden durch größere Autos ersetzt und man fuhr in den Urlaub. Zu dieser Zeit gab es in Mehrum zwei Gaststätten und zwei Lebensmittelläden.
